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01.10.2018 02:36 Alter: 18 days
Kategorie: Gemeindeleben

An(ge)dacht


Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht. Matthäus 4, 4

Das Erntedankfest ist seit Jahrzehnten in der Krise. Wie kann man noch dankbar sein bei dem derartigen Überfluss, der unsere Tische und Kühlschränke füllt. Eigene gute Ernten sind höchstens noch für die hiesigen Bauern wichtig, denn: „Kommt das Essen nicht von hier, kommt es halt woanders her“. Während in anderen Erdteilen Menschen alles dafür tun müssen, nicht zu hungern, machen wir uns vor allem Gedanken darüber, wie wir bei all den Versuchungen kulinarischer Art unser Gewicht halten können.

Wir haben mehr als genug, und dennoch ist der Hunger groß im Land. Der Hunger nach Liebe, nach echten tragfähigen Beziehungen, nach Heimat in einer heimatlosen Welt. Der Hunger nach Bedeutung und Sinn.

Es ist eigentümlich, wie die Worte Jesu aus Matthäus 4, Vers 4 in diesem Zusammenhang neu zu reden beginnen. Jesus ist in der Wüste. Er fastet. Sein Körper ist geschwächt.  Genau jetzt greift ihn der Satan an und sagt ihm: „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.“

Jesus könnte es, und alle Nahrungsprobleme wären gelöst. Alle hätten genug, alle wären versorgt. Aber würde damit der Hunger aufhören? Der eigentliche Hunger, der tief in uns sitzt, rührt daher, dass wir Gott verloren haben. Wir sind Kinder ohne Vater. Wir versuchen auf vielerlei Wegen die Schmerzen der Heimatlosigkeit zu  betäuben, aber satt werden wir nie.

Wenn unser Hunger nach Nahrung gestillt ist, kommt der Hunger nach mehr… nach Sicherheit, nach tragfähigen Beziehungen, nach sozialem Aufstieg oder gesellschaftlicher Anerkennung. Wer all das unseren ruhelosen Herzen geben könnte, den würden wir sofort zum (Brot-) König machen. Na klar! Aber so ein König wollte Jesus für uns nicht werden. Er wollte uns lehren, wie wir richtig leben können in der Verbindung zum Vater.

In einer Novelle von Marc Dawkins gerät ein Schiff der englischen Marine 1722 in einen heftigen Sturm, und das Schiff strandet vor einer kleinen Insel in der Südsee. Einige Seeleute können sich in Sicherheit bringen und schaffen es außerdem, einen Sack Weizen zu retten. Notdürftig roden die Männer ein Stück Land, um einen Teil des Weizens auszusäen.

Als sie die Erde umgraben, finden sie die Überreste einer alten Walfängersiedlung und eine Kiste voll mit spanischem Gold. Völlig fasziniert von diesem unglaublichen Fund, graben sie wie besessen nach weiteren Schätzen. Sie stoßen auf die Ladung einer alten spanischen Galeere! Am Ende haben alle die Taschen voll Gold! Es entsteht Gewalt und Misstrauen unter den Männern. Den Weizen haben sie vergessen. Erst als die Lebensmittel aufgebraucht sind, merken die Männer, dass man Gold nicht essen kann. Angesichts ihres Todes erkennen sie ihre Dummheit. Sie hätten den Weizen aussäen müssen.

Die Insel ist unsere Welt. Die Schiffbrüchigen sind wir. Das Saatgut steht für Gottes Lebensmittel, die er uns gegeben hat, damit wir davon leben können. Das Gold steht für all das Großartige, das uns am Ende betrügt, weil es nicht satt macht. Erntedank ist mehr, als Gott danken für den gedeckten Tisch (wobei wir ihm hier nie genug danken können).

Erntedank heißt begreifen, dass unser Überleben und unsere Zufriedenheit abhängig sind von diesem unscheinbaren Sack Weizensaat. In ihm steckt, was wir wirklich brauchen.

Erntedank heißt, lernen gute Saat auszusäen, anstatt falschem Gold hinterherzujagen. Das fällt nicht immer leicht, bei allem Glitzer um uns her, dazu müssen wir uns entscheiden.  

Erntedank heißt, sich erinnern, was noch mal unser Auftrag ist. Nämlich: Nahrung anpflanzen, die uns und andere satt machen kann. Damit uns am Ende bei vollen Tischen nicht die Lebensmittel ausgehen.

Einen gesegneten Oktober

wünscht Euch Euer Bastian